Der Brustgurt bleibt die Referenz in Sachen Genauigkeit, aber er verrutscht, er scheuert, und viele Läufer verbannen ihn irgendwann in die hinterste Schublade. Polar hat schon seit einigen Jahren eine Alternative am Arm im Programm: den OH1+, der den Puls optisch am Bizeps oder Unterarm misst statt an der Brust. Bei RunMorph taucht dieser Sensor immer wieder in unseren Empfehlungen für Brustgurt-Verweigerer auf. Bleibt die Frage, was er im Langzeittest wirklich taugt.

© Polar, offizielles Foto, redaktionell verwendet
Polar OH1+: das Armband, das den Brustgurt vergessen lassen will
Polar war in den 1980er-Jahren einer der Ersten, die den Brustgurt für Freizeitsportler in Serie brachten, und die finnische Marke steht bis heute für den Polar H10, die absolute Referenz in Sachen Genauigkeit. Doch der Brustgurt hat einen grundsätzlichen Makel: Er scheuert, er verrutscht im Winter unter mehreren Kleidungsschichten, und manche Läufer vertragen ihn schlicht nicht. Der OH1+ geht dieses Problem anders an als der neuere Polar Verity Sense: eine 5 g leichte optische Sensorkapsel, die an ein elastisches Armband geclipst und am Bizeps oder Unterarm getragen wird statt am Handgelenk oder an der Brust.
Auf dem Papier ist das eine riskante Wette: Die optischen Sensoren in Uhren haben bei abrupten Tempowechseln einen schlechten Ruf. Wer den Sensor aber an den Arm statt an das ständig bewegte Handgelenk setzt, verändert die Ausgangslage grundlegend. Genau deshalb hält sich dieses Format bei Polar so lange, und auch Wahoo (TICKR Fit) und Coros (HR Monitor, bereits von RunMorph getestet) setzen darauf.
Optischer Sensor mit 6 LEDs am Arm: Was bringt das wirklich?
Die Technik an sich ist nicht revolutionär: Sechs LEDs erfassen die Schwankungen des Blutvolumens unter der Haut, wie jeder optische Sensor in einer Uhr. Entscheidend ist die Position. Am Bizeps oder Unterarm ist die Muskulatur ruhiger als am Handgelenk, was die Bewegungsartefakte reduziert, die bei Intervallen für Phantomspitzen sorgen. Mit dem mitgelieferten Clip kannst du den Sensor außerdem am Band der Schwimmbrille befestigen und an der Schläfe messen. Diese Stelle bleibt meist über Wasser, das Signal bricht also seltener ab. Diesen Vorteil bietet weder ein klassischer Brustgurt noch ein Sensor am Handgelenk.
Dank gleichzeitiger Verbindung über Bluetooth Smart und ANT+ kannst du deinen Puls an mehrere Empfänger zugleich senden (etwa an eine Uhr und an die Zwift-App), wobei Bluetooth auf eine aktive Verbindung beschränkt bleibt, anders als beim Polar H10, der zwei zulässt.
Der Tipp von RunMorph: Trag den OH1+ beim Laufen am Unterarm, auf der Innenseite. Dort bekommst du im Alltag den besten Kompromiss aus Genauigkeit und Komfort, selbst unter langen Ärmeln im Winter. Beim Schwimmen nimmst du besser den Brillenclip statt des Armbands: Das Signal ist dort deutlich stabiler.
Der Praxistest: vom Grundlagenlauf bis ins Becken, ein Sensor, der hält, was er verspricht
Mehrere unabhängige französischsprachige Tests haben den OH1+ über Monate im kompletten Training eingesetzt, parallel zu einem Referenz-Brustgurt. Bei der Grundlagenausdauer ist das Ergebnis eindeutig: Die durchschnittliche Abweichung zu einem Garmin HRM-Run liegt unter 1 bpm, die Kurven decken sich außerhalb der ersten zwei Belastungsminuten nahezu perfekt. Auf einer welligen Strecke mit Schwankungen zwischen 135 und 175 bpm steigt die Abweichung leicht, bleibt aber unter 2 bpm, mit nur sehr kurzen, vereinzelten Aussetzern.
Bei sehr kurzen, intensiven Belastungen bröckelt der Konsens dagegen. Bei Intervallen über 160 bpm verpasst der Sensor laut einer unabhängigen Messung bis zu drei von fünf Spitzen, und bei sehr kurzen 30/30-Einheiten stellen mehrere Tester eine deutliche Verzögerung beim Anstieg und in der Erholung fest. Ein anderer Test, parallel mit einem Garmin HRM-Tri und dem optischen Sensor einer Garmin Fenix 6, kommt zu einem ähnlichen Schluss: Bei den meisten Grundlagen-, Tempo- und Schwelleneinheiten ist die Genauigkeit auf Brustgurt-Niveau, ohne nennenswerte Verzögerung beim Laufen oder Radfahren.
Auch beim Schwimmen sind sich die Tests einig: Das Signal bleibt stabil mit seltenen Aussetzern, ob mit Brillenclip oder Armband am Bizeps, und viele Schwimmer sehen damit zum ersten Mal ihren Puls in Echtzeit im Becken. Bei der Akkulaufzeit gehen die Messungen etwas auseinander: Eine Quelle kommt auf 11 h 16 min bei angegebenen 12 h, eine andere nur auf rund 10 Stunden. So oder so ist die Abweichung von der Herstellerangabe real, lässt sich aber mit einer wöchentlichen Ladung gut handhaben, wenn du 10 bis 15 Stunden pro Woche trainierst.
Alle unabhängigen Tests, die wir für diesen Artikel gelesen haben, nennen denselben Schwachpunkt: Eine zuverlässige Akkuanzeige während der Nutzung fehlt, und der Einschaltknopf ist umständlich (manchmal brauchst du den Fingernagel). Das ist die eigentliche ergonomische Schwäche des Produkts, mehr als die Genauigkeit selbst.
Polar OH1+ vs. Coros HR Monitor: der Vergleich
| Kriterium | Polar OH1+ | Coros HR Monitor |
| Bauform | Armband Bizeps/Unterarm | Armband Bizeps |
| Gewicht | 17 g | Vergleichbar, weiches Armband |
| Akkulaufzeit | 10 bis 12 h | Bis zu 38 h |
| Interner Speicher | 200 h | Nein |
| Konnektivität | Bluetooth + ANT+ | Nur Bluetooth |
| Schwimmclip | Im Lieferumfang | Nein |
| Ökosystem | Polar Flow, universell | Coros-App, ideal mit Coros-Uhren |
| Offizieller Preis | 79,90 € | 89 € |
Bei der reinen Akkulaufzeit gewinnt der Coros HR Monitor klar, ein gewichtiges Argument für Ultratrailläufer. Der OH1+ behält aber bei der Multisport-Vielseitigkeit die Nase vorn, dank Schwimmclip und 200 Stunden internem Speicher, zwei Funktionen, die der direkten Konkurrenz fehlen.
Das hat uns gefallen
- Kaum spürbarer Tragekomfort: 17 g insgesamt, den Brustgurt vergisst du schnell
- Zuverlässige Genauigkeit bei 80 % der Einheiten (Grundlage, Tempo, Schwelle)
- Echte Vielseitigkeit: Laufen, Radfahren und Schwimmen mit demselben Sensor
- Universelle Kompatibilität über Bluetooth + ANT+ mit allen Uhrenmarken
Das hat uns weniger gefallen
- Gemessene Akkulaufzeit zwischen 10 und 12 h, weit entfernt von den 30 bis 38 h der direkten Konkurrenz
- Genauigkeit lässt bei sehr kurzen, intensiven Intervallen nach
- Nur eine gleichzeitige Bluetooth-Verbindung, gegenüber zwei beim Polar H10
- Keine zuverlässige Akkuanzeige während der Nutzung
Unser Praxisurteil: Für wen ist der Polar OH1+ gemacht?
Der OH1+ passt zu Läufern, die schon einen Brustgurt ausprobiert und ihn aus Komfortgründen wieder abgelegt haben, und zu Triathleten, die einen einzigen Sensor für alle drei Disziplinen wollen. Für die Grundlagen-, Tempo- und Schwelleneinheiten, die den Großteil eines Trainingsplans ausmachen, reicht die Genauigkeit locker aus. Erst bei sehr kurzen, intensiven Intervallen spielt der Brustgurt seinen Vorteil wieder aus.
Ob du einen Marathon-, Halbmarathon- oder 10-km-Plan auf RunMorph absolvierst: Der OH1+ begleitet deine Long Runs, lockeren Dauerläufe und Schwelleneinheiten problemlos. Für die Blöcke mit kurzen, harten Intervallen in deiner Vorbereitung solltest du ergänzend einen Brustgurt bereithalten, wenn du bei jeder Spitze maximale Genauigkeit willst.
Das Urteil des RunMorph-Coachs
Der Polar OH1+ hält, was er verspricht: nahezu perfekter Komfort und eine Genauigkeit, die bei der überwältigenden Mehrheit der Trainingseinheiten mit einem Brustgurt mithält. Die Multisport-Vielseitigkeit mit Schwimmclip und 200 Stunden internem Speicher macht ihn zur cleveren Wahl für Triathleten und Brustgurt-Allergiker. Doch die Akkulaufzeit von 10 bis 12 Stunden, bestenfalls ordentlich im Vergleich zu den 30 und 38 Stunden der direkten Konkurrenten Wahoo und Coros, und die auf ein einziges Gerät beschränkte Bluetooth-Verbindung verhindern eine höhere Note. 7,8/10: ein sehr guter Sensor für alle, denen Komfort und Vielseitigkeit wichtiger sind als extreme Akkulaufzeit.